Du und ich - Tisch 2013 Mai 2016

Unikate

Dieser Tisch hat eine Geschichte, eine Lebensgeschichte. Geboren wurde er als Baum – oder eher: als der Baum fiel. Im Voralpenland ist die Ulme gestanden, hat Frühling, Sommer, Herbst und Winter erlebt, geschätzte 125 Jahre lang. Ihr Holz ist begehrt: einerseits aufgrund seiner Zähigkeit und Härte, andererseits wegen der schönen Maserung und des rötlich-warmen Farbtons. Früher im Wagen- und Mühlenbau stark beansprucht, ist es heute ein beliebtes Möbelholz.

Tisch Ulme

Tischplatte Ulme, Oberfläche samtig geölt; Tischgestell Schwarzstahl roh

Der Tischler nennt die Ulme auch Ruste oder Rüster – doch selbst die vielen Namen werden sie nicht vorm Aussterben retten: Seit etwa 1920 macht ein Pilz ihr Leben schwer. Über den Splint, einer Schicht direkt unter der Rinde, zieht die gesunde Ulme Wasser aus dem Boden. Der Ulmensplintkäfer aber steckt den Baum mit einer eingeschleppten Pilzerkrankung an; die feinen Wasserleitungen den Stamm entlang verstopfen. Der Baum trocknet aus und stirbt ab. Unsere Ulme war schon vor dem Umschnitt dürr: Ihr Splint ist hart und goldgelb anstatt weiß. Ohne vom Pilz befallen worden zu sein, hätte sie es auf 400 Jahre bringen können.

So aber wurde ihr Stamm auseinandergeschnitten, das Holz getrocknet, wie Fleisch das mürbe werden soll, fünf Jahre lang, ein Jahr pro Zentimeter Dicke. Komplementär wird der Ulmenstamm dann wieder zusammengefügt zu einem massiven Tisch. An ihm begegnen sich Partner oder Parteien, zu Beginn gegensätzliche Positionen finden einen gemeinsamen Nenner. Vielleicht verwendet ein Notar den Tisch über Jahrzehnte für das Festsetzen von Erbe, Ehen, Kaufverträgen. Für ihn ist er der Angelpunkt seines Geschäfts und Symbol seiner Tätigkeit: sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, um etwas zu besiegeln.

Sein Nachfolger aber kann damit nichts anfangen; der Tisch geht mit in Pension. Zuhause erzählt der Notar i. R. seiner Frau am Tisch Anekdoten aus der Kanzlei. „Der Tisch stand immer für die zwei unterschiedlichen Versionen ein und derselben Geschichte“, sagt der Alte, der Geschichte des Zusammenlebens. „Wie Du und ich.“

Autor Bild

Wolfgang Haselmaier, Gründer & Tischler mit Leib und Seele